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Öffne uns das Tor

Rosh Hashana, das jüdische Neujahr

Am vergangenen Sonntagabend, und während der zwei folgenden Tage, feierte das jüdische Volk in aller Welt das neue Jahr 5759. Bei den verschiedenen Nationen und Religionen ist die Zählung der Kalenderjahre ein Teil ihrer Kultur. Die Christen beginnen sie mit der Geburt Jesu. Der Islam fängt mit dem Tag an, an dem Mohammed seine Heimatstadt Mekka verlassen mußte. Das jüdische Volk wiederum zählt seit dem Tag der Schöpfung Adams. Dieser Feiertag ist in der jüdischen Tradition sozusagen der Geburtstag der Menschheit. Der Neujahrstag – Rosch Ha‘schana – wird in der Torah “ein Gedächtnistag des Trompetenschalls” genannt, aber laut der jüdischen Tradition gilt er seit dem 6. Jh. v.d.Z. als Jom Ha’din – Tag des Gerichtes. Ein Tag, an dem jeder jüdische Gläubige vor seinem Gott vor Gericht steht. Er muß seine Taten und seine Sünden gegenüber Gott erwägen und bedenken. Im Gebet bittet er um und hofft auf Vergebung. Alle Wesen, die während der ersten sechs Schöpfungstage vor dem Menschen geschaffen wurden, leben gemäß den Gesetzen der Natur, nach den Trieben, die der Schöpfer ihnen vorgegeben hat. Die Eigenschaft, die den Menschen von der gesamten Schöpfung unterscheidet, ist, daß nur der Mensch, seinen Verstand und seinen Willen beherrschen kann. Er allein hat die Fähigkeit der Entscheidungsfreiheit bekommen. Auch der Mensch hätte von Gott z.B. dazu vorherbestimmt werden können, nur Gutes zu tun. Es mag sogar die natürliche Tendenz des Menschen sein, Gutes tun zu wollen, aber die ihm gegebene Fähigkeit zu wählen, kann sich darin auch als sein größtes Hindernis erweisen; sie kann einen Hauptgrund für seine Sünden darstellen, wenn der Mensch seinen Trieben nachgibt. Über alle seine Taten sowie seine Sünden soll der gläubige Mensch seinem Schöpfer und sich selbst Rechenschaft geben. Je tiefer und vollkommener der Glaube des Menschen an Gott ist, um so stärker ist die Hoffnung des Gläubigen von Gott Vergebung zu erlangen und um so tiefer ist seine Zuversicht für das kommende neue Jahr. Für die beiden Feiertage an Neujahr haben die Weisen als Lesung in der Synagoge zwei Abschnitte aus der Torah gewählt (am ersten Tag Gen 21, am zweiten Gen 22). Darin wird Abraham – der größte Glaubende aller Generationen – geprüft. Es handelt sich um zwei Geschichten, die sich für unser heutiges Verständnis beim ersten Hören geradezu unmenschlich anhören. Aber bei dem Versuch, sie besser zu verstehen bemerkt man ihre erstaunliche Tiefe. Die Suche nach dem Gemeinsamen der beiden Abschnitte erklärt uns, warum gerade sie ausgesucht wurden, um an diesen bedeutenden Feiertagen gelesen zu werden. Der erste Abschnitt beschreibt, wie Yitzchak seiner Mutter Sara geboren wird, der seit Jahren erhoffte und erwartete Sohn. Seine Geburt ruft eine Konkurrenz zwischen ihm und dem älteren Sohn Ischmael hervor, den Abraham auch sehr liebt. Sara besteht darauf, ihn und seine Mutter, die Magd Hagar, zu vertreiben, damit Ischmael nicht zum Erben seines Vaters Abraham würde. Abraham ist sehr verärgert und widerspricht, aber Gott mischt sich zu Saras Gunsten ein, so daß Abraham trotz seines Schmerzes, ohne jeglichen Widerspruch die Vertreibung ausführt. Die zweite Geschichte, die in Genesis unmittelbar an die erste anschließt, erzählt uns von der Anweisung Gottes an Abraham, seinen Sohn Yitzchak – um den er sein ganzes Leben lang gebetet hat, seinen zukünftigen Erben, den er aus tiefem Herzen liebt – Gott zu opfern. Wiederum gehorcht Abraham ohne Widerspruch dem Befehl Gottes. In beiden Fällen werden die Kinder buchstäblich in letzter Minute von einem Engel Gottes gerettet. Wie können wir Abrahams Handeln verstehen? Worin besteht die Verbindung zu der Feier des Tages von Glauben und Gericht? Abraham, der größte Glaubensvater, führt in dem Augenblick, in dem er den Befehl Gottes erhält, diesen in vollem Glauben an Gott aus. Dennoch, ohne ihre Herkunft zu kennen, erfüllt ihn eine leise Hoffnung und in der Tiefe seines Unterbewußtseins erinnert er sich an die Verheißungen Gottes: bei Ischmael hieß es “doch auch den Sohn der Magd werde ich zu einem Volk machen, weil er dein Same ist”, über Yitzchak sagte Gott “denn in Yitzchak wird dir ein Nachkomme genannt werden”. Obwohl Abraham weiß, daß er mit der Ausführung von Gottes Befehl dem Leben seiner beiden Kinder ein Ende setzt, hat ihn sein tiefer Glaube an die Verheißungen Gottes mit der Hoffnung auf Rettung und Erlösung erfüllt, obwohl er nicht weiß, woher sie kommen werden. An diesem Feiertag von Glaube und Gericht sind auch wir von der tiefen Hoffnung erfüllt, wie das Volk Israel aller Generationen, daß Gott uns nicht verläßt, sondern trotz allem einschreibt in das Buch des Lebens. Schana towa – ein gutes neues Jahr!

Amnon Orbach

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