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Der größte Prophet aller Zeiten und seine Strafe

Vor drei Tagen feierte das jüdische Volk Rosh Hashana, das jüdische Neujahrsfest, zum Beginn des Jahres 5765 und am kommenden Samstag ist Jom Kippur, der jüdische Buß- und Bettag.
Die Tage zwischen Neujahr und Jom Kippur werden die „10 Tage der Umkehr“ genannt. Wir sind aufgerufen, uns der Taten des vergangenen Jahres zu besinnen, unseren Weg zu verbessern und unseren Glauben zu vertiefen. In diesem Monat wird der jährliche Zyklus der Lesung der Torah (alle 5 Bücher Mose) in der Synagoge beendet. Das Schlußkapitel 5. Mose 34 läßt mich jedes Jahr über ein menschliches Dilemma nachdenken, für das es keine Erklärung gibt, die wir Menschen verstehen können. Es ist das Ende von Mose.
Mose, der größte Anführer Israels, der einzige Mensch, der mit Gott „Angesicht zu Angesicht“ geredet hat. Diesem Mann, den Gott gegen seinen Willen beauftragt hat, die Kinder Israel aus Ägypten zu führen und sie zu einem Volk zu machen, der Anführer, der dem Volk Israel und der ganzen Welt die 10 Gebote und die Torah gegeben hat, der 40 Jahre in der Wüste auf seinen Schultern die Bürde eines schwierigen Volkes getragen hat, der Beleidigungen erlitten hat und sich mit Aufständen konfrontiert sah, bis er sein Volk zu den Toren des verheißenen Landes Israel gebracht hat, – diesem Mann verbietet Gott, sein Volk nach Israel hineinzubringen. Gott ermöglicht es ihm nicht, sein Ziel zu erreichen, sondern er soll auf den Berg Nebo steigen (am östlichen Ufer des Jordans), das Land von weitem sehen und dort sterben.
Mose ist 120 Jahre alt, “sein Auge war nicht trübe geworden und seine Frische nicht geschwunden“, aber er muß nach Gottes Wort sterben. Wir sollen nicht denken, daß es nicht Moses Wunsch war, sein Volk in das Land Israel hineinzuführen: “Und ich flehte zum Ewigen in selbiger Zeit also: … Laß mich doch hinüberziehen und das schöne Land sehen, das jenseits des Jordan liegt, dieses schöne Gebirge und den Libanon …“ und der Ewige sprach zu mir: “Laß genug sein! Sprich zu mir nicht mehr von dieser Sache. Steige hinauf auf den Gipfel und hebe auf deine Augen nach Westen, Norden, Süden und Osten und schau mit deinen Augen, denn du wirst diesen Jordan nicht durchschreiten.“
Die Torah erklärt nicht, was die Sünde Moses war und warum er so schwer bestraft war. Es ist aufschlußreich, daß Mose in seiner Rede zum Volk Gott nicht erwähnt, ihn nicht beschuldigt und auch nicht für eine Sünde um Entschuldigung bittet, die ihm nicht bekannt ist. Für Mose ist es klar, daß er wegen der Sünde dieser Generation des Volkes Israel, für das er verantwortlich ist, bestraft wird und leidet. Vielleicht sollen wir schlußfolgern, daß ein Anführer die Schuld des Volkes tragen und die Konsequenzen akzeptieren muß, auch wenn nicht der geringste Zweifel besteht, daß er selbst nicht schuldig ist.

Amnon Orbach

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