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Purimfeiertag in der Woche der Brüderlichkeit

Purim, das Losfest, an dem der Errettung der persischen Juden durch Esther gedacht wird.

Das jüdische Volk in der ganzen Welt feiert am kommenden Donnerstag einen besonderen Feiertag, der Purim heißt. Purim ist der einzige Feiertag, der direkt mit einer Geschichte verbunden ist, die wir in einem speziellen Buch der Bibel finden, es trägt den Namen Esther. Das Buch Esther ist kein historisches Buch, aber es ist auch kein einfacher Roman, es wurde schön definiert als historischer Roman. Die Geschichte erinnert uns an ein historisches Ereignis aus dem 5. Jh. v.d.Z., bei dem das jüdische Volk im persischen Reich in großer Gefahr war. Diese Gefahr konnte mit der Hilfe eines jüdischen Hofbeamten und einer sehr hübschen Jüdin – Esther – überwunden werden. Die Katastrophe begann, durch eine persönliche Auseinandersetzung zwischen hohen Beamten am Hof des Königs. Mordechai, ein Jude, weigerte sich, vor einem menschlichen Lebewesen niederzuknien und sich zu verbeugen, wie es damals vom König angeordnet war, wenn ein Minister durch die Straßen ging. Der Beleidigte war ein hoher persischer Beamter mit Namen Haman. Wutentbrannt hetzte er den persischen König gegen das ganze jüdische Volk in allen Ländern seiner Herrschaft auf. Mordechai dachte, daß er durch seine Weigerung nur sich selbst gefährden würde – es kam ihm nicht in den Sinn, daß er damit sein ganzes Volk in Gefahr brächte. Aus dieser persönlichen Auseinandersetzung entstand die Gefahr einer nationalen Katastrophe. Das Buch Esther ist ein Monument für die Geschichte des Antisemitismus; das erste Mal in der Weltliteratur finden wir hier ein Zeugnis für die Ideologie des Hasses, ein Zeugnis für den Haß von Fremden, nur weil sie fremd oder anders sind. Esther 3,8: „Da sprach Haman zum König Ahasveros: Da ist ein Volk, zerstreut und versprengt unter die Völker, durch alle Landschaften deines Königreiches, deren Gesetze unterschieden sind von denen jeglichen Volkes; aber nach den Gesetzen des Königs tun sie nicht, und dem König bringt es nichts ein, wenn er sie läßt.“ Noch eine typisches antisemitisches Vorurteil finden wir in Esther 3,9: „Wenn es dem König gefällt, werde ausgeschrieben, sie zu vernichten und zehntausend Kikar Silber will ich darwägen in die Hände der Schaffer, sie zu bringen in die Schatzkammer des Königs.“ Und dieser böse Haman stützt sich nicht nur auf die falsche Anklage und nicht nur auf das Geld, das er von den Juden rauben kann, sondern auch auf den Haß der Völker, die unter der Herrschaft des persischen Königs stehen; ein Haß zu dem Haman sie aufgehetzt hat. Ohne diesen Haß könnte er nicht kaltblütig Männer, Frauen und Kinder töten. Keinen religiösen oder moralischen Grund hatte dieser Haß; seine Ideologie ist eine rein rassistische, die aussagt, daß der Fremde nicht so ist, wie du. Wir finden hier ein Streben zu vernichten ohne jede Begründung, einen bestialischen Haß auf alles Fremde. Wenn man dem Verlauf der Geschichte weiter folgt, bemerkt man die literarische Begabung des Schriftstellers. Mit einer feinen poetischen Art beschreibt er den Palast des Königs, seinen Harem, sein Leben in Genuß und Überfluß. Er tut es mit einer zarten Ironie, die nicht komisch ist, aber den Leser mit Genuß erfüllt. Detailliert beschreibt er so die Lebensweise am persischen Hof, ein Leben ohne nutzbringende oder realistische Überlegungen, abhängig von Schicksal oder Willkür, in dem nur der Trieb und die Lust zählt: Entscheidungen werden mit Hilfe des Ziehens eines Loses getroffen (daher kommt der Name Purim, Pur = Los, das Los bestimmte den Zeitpunkt der Vernichtung der Juden); ein großes Gelage wird veranstaltet, nur um das aufgeblasene Ego des Königs darzustellen; man vertreibt die eigene Frau, die Königin Waschti, weil sie sich weigert seiner Anweisung zu gehorchen; die Forderung Hamans wird aus dem Affekt heraus akzeptiert, nur weil Haman es so sagte; und auch die Wahl von Esther, der hübschen Jüdin, der Nichte von Mordechai, zur Nachfolgerin der herausgeworfenen Königin geschah völlig willkürlich. Und am Ende erfüllt König Ahasveros alle Bitten und Wünsche von Esther auf die gleiche Art, mit der er zuvor einverstanden war, die Juden zu vernichten, nur daß er jetzt entschieden hat, die Juden zu retten und Haman zu vernichten. Während ich das Buch Esther gelesen habe, machte ich mir die unterschiedlichsten Gedanken und unmerklich glitten sie auch zu der Idee der Woche der Brüderlichkeit der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die diese Woche begangen wird. Das Motto dieser Woche heißt „denn er ist wie du“. Martin Buber übersetzt das bekannte Gebot „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ in dieser etwas ungewohnten Art, er betont hiermit: mein Nächster gleicht mir und hat die gleichen Gefühle, Bedürfnisse und Rechte, die gleichen Fehler, Ängste und Probleme, wie ich. Aus diesem Grund ist die Initiative „Schule Ohne Rassismus“ zum Preisträger der in dieser Woche verliehenen Buber-Rosenzweig-Medaille gewählt worden, denn Rassismus verneint die Gleichwertigkeit von Menschen und diskriminiert wegen vermeintlicher „Andersartigkeit“, so wie in unserer Purimgeschichte. Ich war tief beeindruckt von der Tatsache, daß auch die Marburger Richtsbergschule dieser Initiative angehört und sich in Projekten engagiert um unter den Schülern das Bewußtsein für die Wahrung der Menschenwürde des anderen zu fördern und aktiv etwas gegen Rassismus und Fremdenhaß zu unternehmen.

Amnon Orbach

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