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Geschichte

Die Geschichte und Entwicklung der Jüdischen Gemeinde Marburg

Von Anfang an
Juden hat es in der Stadt Marburg schon seit dem 13. Jh. gegeben, wie die Ausgrabung der mittelalterlichen Synagoge am Markt eindrücklich belegt. Über die Jahrhunderte hinweg, bedingt durch Vertreibungen, variierte die Anzahl der jüdischen Bürger in Marburg. Sie überstieg jedoch kaum die Zahl von 7 Familien (ca. 30-40 Personen). Während der Zeiten größerer wirtschaftlicher Freiheit im 19. Jh., seit der Napoleonischen Herrschaft, sowie nach dem Gesetz zur Gleichstellung der Juden von 1869 - eine Zeit, in welcher Marburg unter preußischer Landesherrschaft zu einem regionalen Zentrum anwuchs - wuchs auch die jüdische Gemeinschaft. Marburg wurde Sitz des Provinzialrabbinates. In der Ritterstraße 2 wurde die damalige Synagoge eingerichtet. Von 84 Mitgliedern Mitte des 19. Jh. wuchs die Gemeinde auf 512 Personen Anfang des 20. Jh. an. Am 15. September 1897 konnte schließlich die große neue Synagoge in der Universitätsstraße eingeweiht werden, die Platz für mehr als 400 Menschen bot.

 
Die Marburger Synagoge in der Universitätsstraße
 
 

Der 9. November 1938
In der Nacht des 9. November 1938 wurde die Synagoge in der Universitätsstraße durch Brandstiftung von Marburger SA-Leuten vernichtet. Nur die Torahrollen konnten gerettet werden. Die soliden Mauern, die das Feuer überstanden hatten wurden gesprengt, die Trümmer abtransportiert. Die gesamten Abbruchkosten musste die Jüdische Gemeinde bezahlen. Direkt im Anschluss an die Pogromnacht wurden zunächst viele jüdische Männer in das KZ Buchenwald abtransportiert. Die noch verbliebenen Juden wurden in der Folgezeit in einigen Ghettohäusern untergebracht. Weniger als 200 Personen gelang bis Kriegsbeginn die Flucht in das rettende Ausland. Alle übrigen wurden in drei weiteren Deportationen bis 1942 in KZs und Lager verschleppt, wo nur einzelne von ihnen überlebten. Das war das Ende der Jüdischen Gemeinde Marburgs und der beinahe 700 Jahre währenden wechselvollen Geschichte der jüdischen Bürger in der Stadt Marburg.

 
 
Reichpogromnacht
9. November 1938

Seit 1945
Nach der Kapitulation Deutschlands kamen etliche Juden, befreit aus Arbeitslagern und KZs, nach Marburg, so dass es zu einer vorübergehenden, scheinbaren Blüte der Jüdischen Gemeinde kam, hielten sich doch zeitweise bis zu 300 Juden hier auf. Durch Auswanderungen, besonders nach Palästina, zählte man jedoch schon 1949 nur noch 70 Personen - eine Zahl, die weiter sank. Eine gebürtige Mardorferin ist die einzige, die als Überlebende von Theresienstadt zurückkehrte und bis heute zur Marburger Gemeinde gehört. Ab 1978 organisierte Willy Sage (sal.), Gründer und Vorsitzender der Marburger Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, gemeinsam mit dem Magistrat regelmäßige Besucherwochen für ehemalige jüdische Marburger. Nun war hin und wieder ein Gottesdienst mit Minjan (die zum Gottesdienst rituell notwendigen 10 jüdischen Männer) möglich. Dass ein geeigneter Raum zur Feier des Gottesdienstes fehlte, wurde erstmals in dieser Zeit deutlich.
Zu Beginn der 80er Jahre kam der Israeli Amnon Orbach (bis heute Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde) - der Liebe wegen - in die Stadt an der Lahn. Als er sich 1983 entschloss den Versuch zu machen, in Deutschland zu leben und die deutsche Sprache zu lernen, sah sich der Jerusalemer Geschäftsmann vor folgender Situation: "In Marburg gab es kein Judentum. Ich fand ca. 25 meist ältere Juden, die getrennt von ihrer Religion lebten, ohne einen gemeinsamen Treffpunkt, ohne Leitung, ohne jemanden der Hebräisch verstand. Und ich fand einen jüdischen Friedhof in gutem Zustand, dank Willy Sage (sal.), der mit Zeit und Mühe jüdische Interessen in Marburg wahrnahm." Doch für Orbach war klar: "Ohne jüdisches Leben kann ich in dieser Stadt nicht existieren." Trotz seiner offenen und toleranten Einstellung bedeutet ihm sein Judentum eine Hauptsäule seiner Existenz. Und er ergänzt: "Ohne Judentum ist eine Stadt wie Marburg eine leere und arme Stadt."
Seither setzte sich der gebürtige Israeli für die Wiederbelebung des Judentums in Marburg ein, sammelte alle Marburger Juden und begann wieder Gottesdienste abzuhalten und eine Gemeinde aufzubauen. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler unterstützte dieses Vorhaben sehr und 1989 stellte die Stadt Marburg der Jüdischen Gemeinde schließlich eigene Räume im Haus Pilgrimstein 25 zur Verfügung. Zur Einweihung am 1. September 1989 unterstrich Drechsler die Bemühungen der Stadt "...Ihnen nicht nur Räume zur Verfügung zu stellen, sondern für Sie eine wirkliche Wohnung zu schaffen, wo sie sich wohl fühlen ... und wo Sie Ihrem Glauben entsprechend leben können." Und er versprach: "Wenn ich die Bilder der zerstörten Marburger Synagoge sehe und jetzt hier vor Ihnen in diesem Gebetsraum stehe, empfinde ich Scham. Aber eines kann ich versprechen: wenn die Gemeinde und ihre Bedürfnisse wachsen, tut die Stadt Marburg alles, um Ihnen größere und bessere Räume zu besorgen." Auch die alten Torahrollen hielten Einzug in den neuen Synagogenraum der Jüdischen Gemeinde.

Entwicklung seit 1989
Im Jahr 1989 gab es in Marburg ungefähr dreißig Juden und der Raum in der neuen Synagoge war mit seinen 35 Plätzen mehr als ausreichend. Seither hat sich die Situation der Jüdischen Gemeinde beträchtlich geändert. Ihre Zahl hat sich mehr als verzehnfacht: auf heute 360 Mitglieder, in der Mehrzahl Einwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas. Diese Zahl spiegelt aber lediglich die Anzahl der halachischen Juden wider, d.h. derjenigen, die nach dem jüdischen Religionsgesetz als Juden gelten. Wenn man deren nichtjüdische Familienangehörige mitzählt, betreut die Jüdische Gemeinde heute aber insgesamt über 500 Personen. So war das jüdische Gemeindezentrum am Pilgrimstein nicht nur ein Ort religiöser Veranstaltungen, sondern wurde nun auch zum Mittelpunkt für die Integration dieser Zuwanderer.
Das Angebot und der Aufgabenbereich der Gemeinde sind vielfältig. Wichtigster Bestandteil sind die Gottesdienste: am Freitagabend das Gebet zum Empfang des Schabbats, am Samstagmorgen der Schabbatgottesdienst mit anschließendem Zusammensein. Auch die wichtigsten jüdischen Feste und Feiertage im Jahreskreis werden begangen mit Gebeten, Gottesdiensten und Feiern. Allerdings musste zu diesen Anlässen bisher auf andere Räumlichkeiten ausgewichen werden, da die Räume im Pilgrimstein 25 seit etlichen Jahren zu klein waren.
Einmal wöchentlich findet Unterricht zum Judentum, seinen Bräuchen und Traditionen statt. Er dient hauptsächlich dazu, diejenigen Mitglieder der Gemeinde, denen ihre Religion teilweise noch fremd ist (in den kommunistischen Staaten Osteuropas war über viele Jahrzehnte die Ausübung der Religion nicht möglich), mit ihr vertraut zu machen. Darüber hinaus gibt der Unterricht Interessierten die Möglichkeit Informationen zu erhalten, die zum Verständnis der jüdischen Religion beitragen können. In der Gemeinde wird auch Unterricht in Ivrith (modernes Hebräisch) angeboten. Für Bereiche, wie etwa dem christlich-jüdischen Dialog oder zum Thema Israel, findet man in der Jüdischen Gemeinde ebenfalls Ansprechpartner. Vor allem ihr Vorsitzender Amnon Orbach setzt sich in besonderem Maße für offene und vorurteilsfreie Begegnungen und Gespräche ein, denn aufeinander zuzugehen und die Vermittlung von Kenntnissen und Wissen über den Anderen sind grundlegende Voraussetzungen für Verständnis und zur Verhütung jeglichen Antisemitismus' in der Zukunft. Gerade hierin sieht die Jüdische Gemeinde eine ihrer wichtigsten Aufgaben: Menschen, die mehr über jüdischen Glauben und jüdisches Leben erfahren wollen, werden immer eine offene Tür finden. So zählen Schul- und Kindergartenklassen, Gruppen aus Kirchengemeinden, von Parteien und aus der Universität zu den willkommenen Gästen der Gemeinde, um nur wenige zu nennen. Zudem bietet die Gemeinde kulturelle Veranstaltungen aus unterschiedlichen Bereichen an, die offen für alle interessierten Marburger sind. Im Jahr 1999 besann sich die Jüdische Gemeinde Marburg am 1. September auf die vergangenen 10 Jahre, in denen ihr die Räume am Pilgrimstein zu einer liebgewordenen Heimat wurden. Rückblick, Dank und Ausblick waren daher auch Inhalt der festlichen Jubiläumsveranstaltungen.

 
Synagogenraum im Pilgrimstein 25
 
 

Auf der Suche nach neuen Räumen
In den letzten Jahren erschwerte es die drangvolle Enge am Pilgrimstein, jederzeit ein offenes Haus für interessierte Gäste zu bieten. Und selbst die Gemeindemitglieder fanden bald keine ausreichende Anzahl Sitzplätze für Gottesdienste oder Unterricht.
Die Suche nach neuen Räumen - mit der engagierten und großzügigen Unterstützung durch Oberbürgermeister Dietrich Möller und Bürgermeister Egon Vaupel - führte schließlich in die Liebigstraße 21a. Die ehemalige Zentrale der AOK bietet nicht nur ausreichend Platz, sondern ist auch ein ausgesucht schönes Gebäude für eine künftige sakrale Nutzung. Dank der Finanzierung durch die Stadt Marburg konnte die Gemeinde das Gebäude erwerben und mit Mitteln des Landes Hessen, der Denkmalschutzbehörden von Stadt und Land sowie Spenden der Mitglieder und Freunde des Fördervereins und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit wurde es zu einer prächtigen Synagoge und einem Kulturzentrum ausgebaut. Mitglieder der Gemeinde haben den Bau mit vielen Arbeitsstunden Eigenleistung tatkräftig vorangetrieben, und das Bauamt der Stadt stand unter der Leitung von Baudirektor Jürgen Rausch jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.

 
A. Orbach zeigt interessierten Besuchern die Torahrolle
 
 

Liebigstraße 21a
Mehr Raum erlaubt es der Gemeinde in Zukunft, ihren gesellschaftlichen Auftrag und ihre Aktivitäten besser ausüben zu können. Es ist ihr Bestreben, noch öfter als bisher und auch in größerem Rahmen - gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, mit der auch im neuen Haus wieder gute Nachbarschaft gepflegt wird - Gastgeberin und Dialogpartnerin für alle interessierten Marburger im eigenen Haus zu sein. Der reiche Schatz der jüdischen Kultur bietet genügend Gelegenheiten für ein abwechslungsreiches Programm: von Bibelunterricht und Judentumskunde über öffentliche Diskussionen zu aktuellen Themen bis hin zu Musik, Liedern und Tanz aus dem gesamten israelischen und jüdischen Spektrum - um nur einige Möglichkeiten zu nennen.

Amnon Orbachs Wunsch zum 10jährigen Jubiläum seiner Gemeinde im Pilgrimstein "Dein Haus soll ein Bethaus für alle Völker sein" ist nun zum Motto seines Lebenswerks, der neuen Synagoge in der Liebigstraße geworden, die am 27.11.2005 eingeweiht wurde, und als Inschrift und Wunsch für die Zukunft für jeden sichtbar am Haus zu lesen
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Monika Bunk

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